«Als Zuhörer werde ich immer etwas nervös»

Foto: Alberto Venzago

Paavo Järvi
Paavo Järvi ist seit 2019/20 Chefdirigent und Music Director des Tonhalle-Orchesters Zürich. Er wurde 1962 in Tallinn, der Hauptstadt Estlands, geboren und von seinem berühmten Vater, Neeme Järvi, der Dirigent und Leiter der estnischen Oper war, sehr früh gefördert. Noch in Tallinn begann er Perkussion und Dirigieren zu studieren, bevor er 1980 in die USA ging und dort unter anderem bei Leonard Bernstein studierte. Seit 2015 ist er Chefdirigent des NHK Symphony Orchestra (Tokio). Daneben ist er Künstlerischer Leiter der Deutschen Kammer­philharmonie Bremen. Als Gastdirigent arbeitet er mit Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem London Philharmonic Orchestra, der Sächsischen Staatskapelle Dresden und dem New York Philharmonic.

Tonhalle-Orchester Zürich
Im Tonhalle-Orchester Zürich spielen rund 100 Musikerinnen und Musiker aus rund 20 Nationen in jeder Saison etwa 50 verschiedene Programme in über 100 Konzerten. Hinzu kommen Gastspiele in über 70 Städten in 16 Ländern. 2019/20 nimmt das Tonhalle-Orchester Zürich alle Sinfonien von Tschaikowsky auf. Sie ergänzen die 40 CD-Produktionen mit Gesamteinspielungen aller Sinfonien von Beethoven, Mahler, Brahms und Schubert sowie einer Ravel-Box und einer Jubiläums-CD-Box.

Der Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich ist ein guter Zuhörer, aber wenn er im Publikum eines Konzerts sitzt, überkommt ihn immer eine leichte Nervosität.

Paavo Järvi, sind Sie ein guter Zuhörer?
Ich denke schon. Das gehört zu meinem Beruf. Gut zuhören ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein junger Dirigent lernt. Man soll den Musikern an der Probe nicht gleich sagen, wie sie spielen sollen. Höre zuerst zu! Und nicht selten ist man dann positiv überrascht.

Ist es ein Unterschied, ob man einem Gespräch oder Musik zuhört?
Musizieren und Sprechen sind dasselbe. Musik kommt zwar ohne Worte aus, aber der Rhythmus, die Tonalität und die Pausen sind gleich.

Was halten Sie von Opern?
Opern sind einschränkender, weil sie Worte verwenden. Worte engen die Vorstellungskraft ein; sie geben eine Handlung vor. In der Oper wird der Tod einer Person, wie er ja oft vorkommt, klar vollzogen. In der Orchestermusik muss der Zuhörer das Bild selber entwickeln und kann mehr hineininterpretieren.

Kann man das Musikgehör trainieren?
Ja, das machen wir seit der Geburt. Jeder kann sich durch Training ein gutes Musikgehör aneignen, aber natürlich hat nicht jeder Mensch das gleiche Talent.

Wie stark beeinflussen die Akustik eines Konzertraums und das jeweilige Publikum Ihre Art, zuzuhören und zu dirigieren?
Es geht darum, das Musizieren den akustischen Gegebenheiten anzupassen. Dazu dienen auch die Proben vor Ort. In den ersten 30 bis 45 Minuten spielen wir jeweils ein besonders leises und ein besonders lautes Stück. Dabei stellen wir beispielsweise fest, dass eine bestimmte Stelle, die in Zürich gut zu hören war, in einer anderen Halle ganz anders tönt. Der Einfluss des Publikums bemisst sich an den unmittelbaren menschlichen Reaktionen. Hier wissen wir mit einer gewissen Sicherheit, was die Zuhörer begeistert, was sie eher langweilt und wie wir sie mitnehmen können.

Können Sie beim Publikum nationale oder lokale Unterschiede feststellen?
Ja, das ist ganz leicht. Wenn Sie in Frankreich spielen, haben Sie sofort eine Standing Ovation, doch der Applaus hört schon auf, bevor der Dirigent die Bühne verlässt. Das Verhalten des Publikums ist oft ziemlich selbstverliebt und drückt keinen nachhaltigen Enthusiasmus aus. In Ostdeutschland ist es genau umgekehrt. Der erste Eindruck ist, dass das Konzert niemandem gefallen hat, doch dann werden Sie zwölfmal auf die Bühne zurückgeklatscht. In Italien sind die Reaktionen oft sehr leidenschaftlich mit spontanen Bravo- oder Buhrufen. In Japan stehen die Leute kaum je von ihren Sitzplätzen auf. Wie gut den Japanern ein Konzert gefallen hat, lässt sich an der Armhöhe beim Klatschen erkennen. Wenn sie wirklich begeistert sind, schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen.

Welches Publikum ist das anspruchsvollste?
Das deutschsprachige. In der klassischen Musik ist Deutschland weltweit einfach ein Gigant. Hier werden unglaubliche Beträge in die musikalische Ausbildung und in die Musikkultur investiert.

Die wichtigsten Voraussetzungen, um ein guter Dirigent zu werden?
Das ist sehr schwer zu sagen. Wenn eine einfache Formel existierte, würde es mehr gute Dirigenten geben. Tatsächlich gibt es zwar viele Dirigenten, aber nur wenige auf einem Spitzenniveau. Wichtige Voraussetzungen sind sicher Talent, Disziplin, Kommunikationsfähigkeit und Glück. In meinem Fall hat das Glück mit meinem familiären Hintergrund sicher mitgespielt.

Wenn wir Ihnen eine Tschaikowsky-Sinfonie einspielen würden, könnten Sie erkennen, ob es sich um die Aufnahme eines von Ihnen dirigierten Orchesters handelt?
Ja, mit grösster Wahrscheinlichkeit würde ich die Aufnahme, die ich dirigiert habe, erkennen.

Woran?
Am Timing, an der Dynamik, an verschiedene Nuancen, auf die ich besonders Wert lege.

«Mein Vater ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schall­platten. Zu seiner Kollektion mit Tausenden von Platten gehören auch Aufnahmen des Tonhalle-Orchesters, die wir uns oft anhörten.»

Paavo Järvi

Dann könnten Sie anhand einer Aufnahme auch andere Dirigenten erkennen?
Ja, in vielen Fällen schon. Als ich klein war, hatten wir ein Spiel in der Familie. Wir mussten Aufnahmen nach Epochen, Ländern, Komponisten usw. einordnen. Dabei sind wir jeweils nach dem Ausschlussprinzip vorgegangen. Es könnte aus der Romantik sein, aber es ist nicht Brahms. Es ist eher Dvořák, aber Dvořák ist es auch nicht. Es ist sicher kein Russe, also nicht Tschaikowsky. Smetana könnte es sein, denn es klingt etwas Böhmisches durch. Am Schluss errät man den richtigen Dirigenten.

Gehen Sie oft in Konzerte mit anderen Dirigenten?
So oft ich kann. An Tagen, an denen ich nur Proben und keine Vorstellungen habe, höre ich mir in der Suntory Hall in Tokio das Gastorchester an. Dabei kann ich eine Menge lernen. Man vergisst manchmal, wie sich ein Konzert für das Publikum anhört. Dabei werde ich immer etwas nervös …

… als Zuhörer?
Ja, als Dirigent weiss ich immer genau, was ich mache und was kommt. Als Zuhörer kann ich dies nicht beeinflussen.

Hören Sie auf Kritik und Kritiker?
Ja. Meine Reaktion hängt jeweils davon ab, wie hoch mein Respekt für den Autor der Kritik ist.

Pflegen Sie Freundschaften zu anderen Dirigenten?
Aufgrund meiner Familie waren Dirigenten immer Freunde. Ich habe zahlreiche Freunde, die Dirigenten sind. Dirigenten haben heute untereinander einen viel kollegialeren Umgang, als es noch bei älteren Generationen der Fall war.

Was bedeutet es für Sie, Chef eines Orchesters in der Schweiz und insbesondere in Zürich zu sein?
Zürich hat eine reiche kulturelle Geschichte. Philosophen oder Komponisten wie Mozart oder Wagner waren hier tätig. Und Zürich hat die Tonhalle, eines der besten Orchester der Welt, das ich von Kindesbeinen an kenne.

Wie kommt das?
Mein Vater ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schallplatten. Zu seiner Kollektion mit Tausenden von Platten gehören auch Aufnahmen des Tonhalle-Orchesters, die wir uns schon in meiner Kindheit oft anhörten.

Gibt es die Sammlung noch?
Ja. Mein Vater hört sich die Platten immer noch regelmässig an. Er ist davon überzeugt, dass die Tonqualität besser ist als bei digitalisierten Formaten.